Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ist oft schwierig. Wenn sich das Kind in einer Weise verhält, die den Eltern nicht gefällt, reagieren diese oft mit Traurigkeit oder Gereiztheit. Manchmal wenden sie aus Wut und Verzweiflung auch Gewalt an. Dadurch wird die Eltern-Kind-Beziehung problematisch. Auf Aggressionen folgen Aggressionen, auf Sturheit Sturheit. Die Spieltherapeutin und Psychologin Nilüfer Devecigil empfiehlt Eltern, deren Geduldsfaden dem Reißen nahe ist, ruhig zu bleiben und sich zuerst zu besinnen. Die Eltern sind für das Kind ein Spiegel, Verhaltensweisen ihrer Eltern werden von den Kindern übernommen. Daher ist es besonders wichtig, wie Eltern sich in einer schwierigen Situation verhalten. „In der Eltern-Kind-Beziehung wäre es wünschenswert, dass man seine Gefühle ungewunden ausdrücken kann und in ruhigen Gesprächen alles klärt“, betont Devecigil: „Vor allem ist wichtig, dass Eltern sich in schwierigen Situationen ihren Kindern ruhig mitteilen, damit diese ihre Gefühle nachvollziehen und die Lage verstehen können.“
Devecigils Empfehlung über die „Ich-Sprache in den Beziehungsgesprächen“ weicht von den Empfehlungen anderer Psychologen deutlich ab. Im Allgemeinen wird in diesem Zusammenhang meist Folgendes empfohlen: „Statt zu sagen: Du bist so und so, sollte man sagen: Dein Verhalten macht mich traurig. Man sollte dem Gegenüber nicht Schuld zuweisen, sondern seine eigenen Gefühle ausdrücken.“
Laut Devecigil ist es hingegen sehr wichtig, dass man in der Beziehung zum Kind immer wieder zeigt, wie gut man das Kind versteht. „Ihr Kind wird weinen, wenn es sich wehtut oder traurig ist. Wir versuchen dann immer wieder das Kind abzulenken, damit es mit dem Weinen aufhört. Wenn man sagt: Ich weiß, du hast dir weh getan, oje, du Arme!, so wird das Kind ebenfalls aufhören. Aber dank dieser Aussage wird das Kind nach dem Schmerz lernen, seine Gefühle wahrzunehmen. Man sollte sagen: Ja, mein Schatz, es tut weh. Deswegen bin ich auch traurig.“ In Momenten der Wut weiß das Kind oft nicht, wie es diese ausdrücken soll. Manchmal beginnt es, gegen die Eltern zu boxen. Devecigil rät für solche Augenblicke, dem Kind verbal zu vermitteln: „Du bist jetzt wütend. Wenn du wütend bist, dann beginne nicht deine Mutter zu schlagen, sondern sage ihr: Mama, ich bin wütend! So drückt man seine Gefühle mit Wörtern aus.“ Das Kind lerne auf diese Weise Wörter wie „wütend, traurig, glücklich“ nicht nur zu empfinden, sondern sie auch auszusprechen.
Zum Beispiel, so die Psychologin, haben viele Eltern Angst zu sagen: „Du bist eifersüchtig auf deinen Bruder, deswegen verhältst du dich so.“ Besser wäre es aber ohnehin, wenn man sagt: „Da ich mich um deinen Bruder kümmere, verbringen wir nicht mehr so viel Zeit miteinander wie früher. Ich weiß das.“ Nach einer solchen Aussage werde das Kind fühlen können, dass es verstanden wird. Eine Beziehung dieser Art könne man vor allem mit Kindern bis zum sechsten Lebensjahr aufbauen, aber auch bei etwas älteren Kindern sei die Herangehensweise sehr erfolgversprechend. Eigentlich sei kein Alter für solch eine Erziehung zu spät, da ja eine gesunde Gefühlswelt ein Leben lang sehr wichtig ist. Menschen, die keine gesunde Gefühlswelt haben, leiden im Erwachsenenalter mehr unter Stress, Selbstmordgefahr und psychischen Problemen.
Auch die Erziehung von Belohnung und Bestrafung sei zweifelhaft. „Wenn die Eltern sagen: Mach das nicht, ich werde traurig, löst das natürlich noch lange das Problem nicht. Soll das Kind sich nicht so verhalten, weil es den Eltern nicht gefällt oder weil es sich so nicht gehört? In diesem Zusammenhang beginnt meist die Erziehung von Belohnung und Bestrafung. Mit Sätzen wie: Du hast das sehr gut gemacht, hier ein Schlecker! oder: Sehr gut, ich bin stolz auf dich! werden die Kinder emotional von Belohnungen abhängig. Daher ist es wichtig, das Verhalten des Kindes immer auf das Kind selbst zurückzuführen: Sei stolz auf dich, dass du so eine gute Note erhalten hast. Das Bild hast du genauso gemacht, wie du es dir vorgestellt hast!“ Nur so lerne das Kind, um der Sache selbst willen darauf zu schauen, ob es etwas gut oder schlecht gemacht hat.
Bei der Erziehung von Belohnung und Bestrafung zieht sich das Kind immer mehr in sich zurück. Devecigil schildert eine Verhaltensweise von Eltern, die ihrem Kind das Alleine-Schlafen angewöhnen wollten: „Der Pädagoge, an den sich die Eltern wandten, empfahl ihnen, dass sie dem Kind jede Nacht einen Stern geben sollten und nach drei Sternen ein Geschenk. Am Anfang wirkte diese Methode, weil das Kind sich auf die Geschenke und nicht auf seine Gefühle konzentrierte. Nach einiger Zeit aber tauchten im Kind verschiedene Gefühle wie Traurigkeit, Wut und Liebesbedürfnis auf. Durch die Methode der Eltern bekommt das Kind keine Antworten auf seine vielen Fragen, es beginnt sich in sich zu verschließen und entwickelt Bindungsängste. Ein Kind, das weint, verlangt noch immer Hilfe. Kinder, die vieles ohne eigenen Willen akzeptiert haben, bezeichnet man meistens als brav. Eigentlich ist es aber sehr traurig, wenn ein Kind keine Reaktion zeigt.“
















